Als ich eines Tages unten am unaufhörlich wogenden Meer auf den Felsen saß, beobachtete ich, wie die gewaltigen Wellen heranrollten, ihre weißen Arme wie in Verzweiflung emporwarfen und ihr Herz am unnachgiebigen Ufer zerschmetterten. Ich sann über diese wundersame Verschwendung von Energie nach. Diese Wellen, so dachte ich, branden hier schon seit ungezählten Jahren mit einer Kraft, die – so schien es – Berge versetzen könnte. Und was ist das Ergebnis? Ein paar wertlose Kieselsteine ​​wurden poliert. Zwar wurden auch die großen Felsen selbst – so zerklüftet und zerfurcht sie auch sein mögen – ein wenig abgerundet und geglättet; doch das ist auch schon alles. Die Barrieren des Ufers sind nach wie vor ungebrochen; seine Form und seine Lage sind im Grunde unverändert geblieben. Über ungezählte Äonen hinweg wurde dieses großartige Schauspiel der Energie verschwendet, und der gewaltige, alte Ozean zerschmettert weiterhin vergeblich sein Herz. Meine Seele war betrübt. „So ist es auch mit dem menschlichen Leben“, sagte ich mir.
Im Laufe der Jahrhunderte sind immer wieder große und aufrichtige Menschen aufgetreten, die vorbehaltlos die unermessliche geistige Kraft ihres Lebens gegen die irdischen Barrieren von Hass, Falschheit und Unrecht geworfen haben. Für ihre Mühen wurden sie zu Märtyrern gemacht. Dornengekrönt und das Kreuz tragend schritten sie die steilen Wege zu ihrer Hinrichtung entlang, während der mächtige Herzschlag ihrer leidenschaftlichen Liebe zur Menschheit wie eine hilflose Welle an der harten, heiseren Menge zerbrach, die nach ihrer Kreuzigung schrie.
Auch wir alle hatten unsere Sehnsüchte und Bestrebungen, die weit über das hinausgingen, was wir tatsächlich verwirklicht haben, und inwiefern sind wir dadurch besser geworden? Auf müden Schwingen ziehen die Jahrhunderte dahin, und die Welt sowie ihre Bewohner bleiben im Grunde immer dieselben. Die Menschen sind nach wie vor Sklaven der Lust, des Ehrgeizes und der Gier; noch immer werden Millionen für den Krieg geopfert, während für Frömmigkeit und Frieden nur wenige Pfennige übrigbleiben.
Die gähnenden Felsspalten umgaben mich; das Tosen der Brandung drang in meine Ohren, doch vor mir schien sich ein noch bodenloserer Abgrund vollkommener Finsternis aufzutun. Ich stand schwindlig am Rande, dorthin geführt von meinen ungläubigen Grübeleien. Halt, sagte ich, das muss falsch sein, denn Gott ist Gott. Irgendwie ist mein Blick zu eng. Ich habe vielleicht zu lange nur auf das Meer und die felsige Küste geschaut. Mein Blick schweifte hinüber zu den grünen Hügeln und zu dem Land, das in der Fülle der Ernte erstrahlte. Die Wahrheit blitzte in meinem Herzen auf. Der Ozean war die Quelle all dieses Lebens, dieser Schönheit und dieser Fruchtbarkeit. Er sendet die Regenschauer aus, die die Erde tränken – ohne sie wäre die Welt eine Wüste.
Diese unermüdlichen Wellen schleudern ihre weiße Gischt in die Luft. Sie steigt als unsichtbarer Dunst empor, um schließlich als segensreicher Regen auf die Erde niederzugehen. Es sind diese unablässigen Wogen des Ozeans, die seine Verdunstungsfläche vergrößern und so die Erde mit Früh- und Spätregen versorgen. Auch reinigt diese Bewegung das Meer. Ein ruhiger Ozean wäre ein toter, schleimiger und stagnierender Ozean – und das bedeutete eine unfruchtbare, leblose Wüstenwelt. Selbst die Felsen am Ufer geben diesen unermüdlichen Wellen allmählich nach. Ihre Rauheit schwindet; sie werden glatt und schön. Diese grenzenlose Energie, die so völlig verschwendet scheint, ist keineswegs vergeudet. Sie ist schließlich die Quelle all der lebendigen Pracht von Erde und Meer.
„Nun denn“, sagte ich, „so verhält es sich im menschlichen Leben. Fast jede Wahrheit ist mit Blut erkauft worden.“
Diese edlen Märtyrerleben haben die geistige und geistliche Welt bereichert.
So wie Sonne und Mond die Fluten der Ozeane gehoben haben, so hat ihre gewaltige Anziehungskraft auch die Flut menschlichen Strebens, Sehnens und Wirkens emporgehoben – bis sie mit unwiderstehlicher Kraft immer stärker an das Ufer von Unwissenheit und Sünde brandet. Auch wir sind reiner und besser geworden, weil wir gesehnt, gestrebt und geduldig gelitten haben.
Nichts Gutes geht jemals wirklich verloren. Der Einfluss der geduldigen Liebe eines stillen, aufopferungsvollen Lebens kennt keine unüberwindbaren Schranken, sondern ist das gemeinsame Erbe der Menschheit.
„Unsere Echos hallen von Seele zu Seele,
und wachsen für immer und ewig.“
Alles ist besser als die Befriedigung in Selbstsucht und Sünde. Dies ist der Tod, während alles andere die Offenbarung des Lebens ist.
Mag die Seele auch ringen und streben, wie sie will, und ihre Flügel wie ein gefangener Vogel gegen die Gitterstäbe schlagen – selbst dies ist keine vergeudete Energie. Es sind die Regungen des göttlichen Lebens in uns, noch ehe wir den Sieg und die Ruhe des stillen Vertrauens vollends erfahren haben. Auch Jesus bestand Seinen Kampf in der Wüste und „wurde durch Leiden vollendet“. Eben dieses unaufhörliche Wogen menschlichen Strebens bildet letztlich die Grundlage aller geistigen Schönheit und allen geistigen Fortschritts. So ist wahrlich nichts in dieser wunderbaren Welt Gottes jemals wirklich verloren.
„Kein Fluss fließt von seiner Quelle aus zum Meer hin,
wie einsam sein Lauf auch sein mag,
ohne dass irgendein Land davon profitiert.
Kein Stern ist je aufgegangen und untergegangen,
ohne irgendwo Einfluss auszuüben.
Wer weiß schon,
was die Erde von ihren geringsten Geschöpfen braucht?
Kein Leben kann rein in seiner Bestimmung
und stark in seinem Streben sein,
ohne dass dadurch alles Leben reiner und stärker wird.“